Julia Franck: Die Mittagsfrau

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Franck, Julia:
Die Mittagsfrau : Roman / Julia Franck. – Frankfurt/M. : S. Fischer, 2007. – 429 S.
ISBN 978-3-10-022600-6 fest geb. : 19,90 EUR

„Es pocht eine Sehnsucht an die Welt, an der wir sterben müssen“, so heißt es in einem Gedicht von Else Lasker Schüler. Helene, die Heldin im neuen Roman von Julia Franck, und ihr geliebter Carl lernen sich über dieses Gedicht näher kennen und können sich selbst darin wiederfinden. Die Sehnsucht  – und deren Nichterfüllung, das sind die zentralen Themen dieses einfühlsamen Romans.

Helene wächst mit ihrer geliebten und verehrten Schwester in einer Atmosphäre auf, die geprägt ist von den willkürlichen Ausbrüchen und der kalten Ablehnung einer „am Herzen erblindeten“ Mutter und von einem gutmütigen, aber schwachen Vaters, der aus verblendeter Liebe zu seiner Frau den Töchtern nicht zur Seite stehen kann. Aus dem Ersten Weltkrieg kehrt dieser schwer verletzt und verstümmelt zurück, nur um kurze Zeit später zu sterben. Die Mutter gleitet mehr und mehr in ihre eigene (verwirrte) Welt ab und verliert jeden emotionalen Kontakt zu ihren Kindern. Nach dem Tod des Vaters entfliehen die beiden Schwestern dem häuslichen Elend, ziehen nach Berlin und erleben dort die Zeit der wilden Zwanzigerjahre. Helene verliebt sich in den feinfühligen, intellektuellen Carl, mit dem sie eine kurze glückliche Zeit verlebt, bis er bei einem Unfall ums Leben kommt. Resigniert und haltlos geht sie in der Folge eine Ehe mit dem groben Wilhelm, einem überzeugter Nazi, ein, weil wenigstens dieser wüsste, was er in seinem Leben wollte. Aus der Ehe geht ein Sohn hervor: Peter. Dieser erleidet nun im klassischen Wiederholungszwang das gleiche Schicksal wie seine Mutter: Er sehnt sich nach Aufmerksamkeit und Liebe, wird aber keine bekommen, weil seine Mutter Helene die Fähigkeit zu lieben mittlerweile verloren hat. Eines Tages lässt sie Peter am Bahnsteig zurück ohne jemals wiederzukommen.

Die Mittagsfrau ist sicher nicht der große Zeitroman, den manche gerne in ihm gesehen hätten. Der inhaltliche und stilistische Bezug zur Zeit zwischen den Weltkriegen wirkt manchmal aufgesetzt, die Kommentare zu zeitgenössischer Philosophie und Literatur manchmal ein bisschen be- oder angelesen und sprachlich wird der Duktus der Zwanziger Jahre manchmal nur imitiert. Insgesamt, so wird man konstatieren müssen, gibt es noch erzähltechnische Schwächen. Aber: Erzähltechnik ist nur was für kleine Geister.

Worauf es ankommt, ist die Seele, das Vermögen, sich einzufühlen in die Welt und in das Erleben einer Person, und dafür ist Julia Franck die ausgemachte Expertin: Sie hat die seltene Gabe, intuitiv den Kern einer Person zu erfassen und folgerichtig Sprache und Verhalten, aber auch Figurenkonstellation, Handlung und Motive entsprechend des Welterlebens ihrer Heldin zu gestalten. Die Figur der Helene ist geprägt durch die Fähigkeit, sehnsuchtsvoll auf die Möglichkeiten schauen zu können, die das Leben bereithält. Sie kann die Welt mit zärtlichen und liebenden Augen sehen, auch wenn ihre eigenen Lebensumstände nicht danach sind. (Diese Haltung erinnert übrigens sehr an die der kleinen Malin im wahrscheinlich traurigsten Märchen von Astrid Lindgren: Klingt meine Linde, singt meine Nachtigall. Auch Malin ist überzeugt, allein mit Glauben und Sehnen wird ein erfülltes Leben gelingen.) Helene kann sich sehnen und hoffen, doch immer nur getrübt durch das latente Gefühl, dass es wohl beim Sehnen bleiben wird, weil sie für sich selbst nicht das Recht sieht, die Wünsche Wirklichkeit werden zu lassen. Immer nimmt sie sich, wenn es darauf ankommt, schüchtern zurück, bleibt passiv und erträgt das Leben, ohne selbst die Initiative zu ergreifen.

In einem Nebensatz wird dieses Grundgefühl in einem sehr treffenden Bild verdichtet. Da heißt es: „Auf dem Tisch stand wie jeden Morgen ein Teller mit Mohnkuchen, von dem Helene aus Scheu vor dem unaufgeforderten Über-den-Tisch-Langen und dem Zugreifen noch nie gekostet hatte.“

Es bleibt nicht beim Mohnkuchen. Sie wünschte sich eine Mutter, die ihr Aufmerksamkeit, Anerkennung und Liebe gegeben, und einen Vater, der sie beschützt hätte. Sie wollte Medizin studieren, hatte aber nicht das Geld dazu. Sie hatte einen Geliebten, der ihr durch einen Unfall genommen wird. Sie wollte einen Mann, der ihr Halt gibt, und bekam einen gefühlskalten Rohling. Am Schluss ergibt sie sich in das Bewusstsein, dass man an der Sehnsucht doch nur sterben kann. Das Leben hat sie um die Versprechungen betrogen – und sie wäre doch mit wenig zufrieden gewesen. Was sehr leicht in Gefühlsseeligkeit hätte enden können, ist bei Franck zwar anrührend, wird wegen der präzisen Charakterstudie aber nie rührseelig.

Der Charakter des Buches ist schüchtern, introvertiert,  gleichzeitig aber auch zärtlich und zunächst hoffnungsfroh, gegen Ende aber kalt und deprimierend. Bemerkenswert ist besonders auch die empathische Beschreibung aus Kindersicht, die an die großen Kindheitsbeschreibungen z.B. in „Kinderseele“ von Hesse oder bei Hanno Buddenbrook erinnert.

Für das große psychologische Gespür und gleichzeitig für ihre – schon oft gerühmte – unmittelbare und sinnliche Sprache hat Julia Franck den Deutschen Buchpreis sicher verdient.

Den Bibliotheken, die das Buch immer noch nicht haben, dringend zur Nachbeschaffung empfohlen.

(Christian Eidloth)

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