Jergović, Miljenko: Das Walnusshaus

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Jergović, Miljenko:
Das Walnusshaus : Roman / Miljenko Jergović. – Frankfurt am Main : Schöffling, 2008. – 616 S. – Aus dem Kroat. übers. ISBN 978-3-89561-391-3 fest geb.: 24,90 EUR

Gastland der Leipziger Buchmesse ist in diesem Frühjahr Kroatien mit seiner Literatur. Allzu viele Neuerscheinungen bieten die deutschen Verlage nicht an, der Roman „Das Walnusshaus“ von Jergović gehört aber mit Sicherheit zu den herausragenden Büchern aus dieser Region.

Dieser Familienroman, der auf dem Balkan angesiedelt ist und mehrere Generationen und ein ganzes Jahrhundert umfasst, beginnt in der Gegenwart. Dieses rückwärtige Erzählen wird formal schon dadurch demonstriert, dass das Buch mit Kapitel XI beginnt und mit dem I. Kapitel endet.

Das Ganze spielt im Wesentlichen in Dubrovnik (Kroatien), der Zeitraum erstreckt sich ungefähr von 2002 bis 1905, dem Geburtsjahr von Regina Delavata, der Hauptfigur dieses Romans. Ihr Schicksal und das ihrer Familie und ihrer Verwandten stehen im Zentrum des Geschehens.

Ein junger Arzt hat in einem Krankenhaus eine schwer demente, rabiate und randalierende Greisin mit 97 Jahren – auch auf den Wunsch der Tochter Diana hin – eingeschläfert. Er wird denunziert und jetzt der Tötung angeklagt („der Mengele in unserem Krankenhaus“ – wie die Presse schreibt), seine Karriere ist ruiniert. Die Tochter Diana geht daraufhin zur Polizei und verteidigt den jungen Arzt, indem sie ihre Leidensgeschichte erzählt: ihre jetzt 97, früher von ihr geliebte Mutter hat sich durch ihre Demenz zu einem randalierenden Monster verwandelt, das die ganze Familie tyrannisiert.

Damit sind wir auch bei einem Leitmotiv dieses Familienromans angelangt, nämlich der allgegenwärtigen Gewalt, die von Frauen und Männern gleichermaßen ausgeht. Und wir wissen damit auch bei diesem Motiv: wir sind auf dem Balkan.

Zwischen den Episoden der verrückt gewordenen Regina und ihrer Geburt spielen die Lebens- und Liebesgeschichten mehrerer Generationen, die der Autor zu einem faszinierenden Familienroman (oder auch Sippenroman) zusammenfasst.

Gleichzeitig zeigt der Autor die Geschichte des Balkans von der Loslösung von den Türken bis zur Bombardierung Dubrovniks Anfang der 90er Jahre. Dreimal haben sich die verschiedenen Völker des Balkans mit ihren unterschiedlichen Religionen im 20. Jahrhundert gegenseitig massakriert und umgebracht – zuletzt in den 90er Jahren.

Dietmar Wild

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