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Ich will hier rein – Der Weg ins Kanzleramt

Genius – Im Zentrum der Macht : Strategie – Politik / Idee und Konzept: Spielart Entertainment. Autor: Thomas Wipf. Projektleitung: Vicente Arioli … – Berlin : Cornelsen, 2007. – 1 CD-ROM + Beih. [44 S.]. – USK: ohne Altersbeschr.
ISBN 978-3-464-90086-4 : 19,95 EUR

„Ich will hier rein!“ – Der Weg ins Kanzleramt

Wir schreiben das Jahr 2015. In der kleinen bayerischen Gemeinde Künzelsbach bewerben Sie sich als Bürgermeisterkandidat – der Beginn einer Karriere, die Sie über das Amt des Bezirksvorstehers von Hagenau-Ost, einem Problembezirk von Dortmund, als Ministerpräsident zunächst nach Düsseldorf und später bis nach Berlin führen wird. Bewähren Sie sich, so winkt Ihnen als Ziel des Spiels der Posten des Bundeskanzlers.

Innerhalb jeder dieser vier Szenarios haben Sie jeweils eine „Legislaturperiode“ Zeit, um die Anforderungen für Ihren nächsten Karrieresprung zu erreichen. Typisch dafür sind die Zufriedenheit der Bevölkerung, die Steigerung des Wohnraums und die Schaffung neuer Arbeitsplätze. Weitere Zielvoraussetzungen setzen Sie durch Ihre jeweilige „Antrittsrede“ selbst fest, nicht eingehaltene Wahlversprechen kosten Sie jedoch auch das Vertrauen der Einwohner.

Das Spielgeschehen gliedert sich in zwei große Bereiche, deren Auswirkungen sich gegenseitig beeinflussen:
In einer Echtzeit-Aufbausimulation, die deutlich dem Klassiker „Sim City“ angenähert ist, befriedigen Sie die Bedürfnisse der Bevölkerung nach Bildung, Gesundheitsvorsorge, öffentlicher Sicherheit, Verkehrswegen und -mitteln, Freizeitmöglichkeiten und Kulturangeboten durch den Bau der entsprechenden Einrichtungen; gleichzeitig setzen Sie Steuern fest und weisen Wohn-, Gewerbe- und Industriegebiete aus, um Einwohner und Arbeitgeber anzulocken. Im Lernteil meistern Sie Ihre politische Karriere, dazu gehören Aktionen, Entscheidungen und Aufgaben. Die 75 abwechslungsreich gestalteten Aufgaben, entstanden in Zusammenarbeit mit der Bundeszentrale für politische Bildung, werden dem jeweiligen Spielfortschritt nach freigeschaltet. Erwähnenswert ist insbesondere, dass sich viele Themenbereiche besonders an der Lebenswelt von Jugendlichen orientieren; Gewalt an Schulen, Kinderarmut, extremistische Gruppierungen, altersbezogene Rechtsfragen.
Politisch Beschlagenere werden in etlichen Szenarios Parallelen zu Ereignissen der jüngeren Geschichte erkennen können. Zur Bewältigung bekommen Sie kontextsensitiv lebensnah gestaltete Informationen wie E-Mails, Zusammenfassungen ihres Mitarbeiterstabs („Turbos“), Zeitungsmeldungen oder Online-Berichte eines Fernsehsenders, zu denen das ZDF bekannte Programmmarken wie „heute“ oder „Politbarometer“ beitrug, in einem Archivteil. Nicht oder ungenügend gelöste Aufgaben können wiederholt werden, wirken sich jedoch äußerst negativ auf Ihr Renommee in der Bevölkerung oder unter den Parteigenossen aus, die Sie sogar per Misstrauensvotum aus dem Amt hebeln können. Kommen Sie mit einem dieser Inhalte gar nicht zurecht, gibt das Programm auch eine Lösung vor. Um sich in die entsprechende Thematik einarbeiten zu können, wird mit dem Aufruf einer Aufgabe der Ablauf der Spielzeit unterbrochen. Auch die rund 50 kurzfristig eingeblendeten Entscheidungen folgen dem Spielverlauf, zu ihnen gibt es keine Hilfestellung. Inhaltlich geht es zumeist um die Zusammenhänge von Fakten und moralische Wertvorstellungen. Über die Folgen bekommen Sie sofort ein Feedback. Aktionen wie zum Beispiel Reden, Interviews oder Plakatwerbung werden über einen Terminkalender gesteuert, diese dienen einerseits der Durchsetzung von Bauvorhaben, stärken aber auch den Rückhalt in der eigenen Partei.

Die Systemvoraussetzungen sind – verglichen mit Echtzeitsimulationen aktueller Adventure-Games – verhältnismäßig moderat ausgefallen, dennoch bietet Cornelsen einen separaten Patch an, mit dem sich die Voraussetzungen für ältere Grafikkarten noch einmal reduzieren lassen. Diese darf man eher als zweckmäßig, doch durchwegs als ansprechend bezeichnen. Gelungen ist die Sprachausgabe; sie bringt die situationsbezogene Atmosphäre gut zur Geltung. Die Steuerung innerhalb der Aufgaben ist nicht immer leicht zu durchschauen; ob eine oder mehrere Optionen zu wählen sind, ob mit der Maus Klicken oder Ziehen zum Ergebnis führt, das bedarf einiger Anläufe. Was dem Baumodus fehlt, ist die Möglichkeit, die Zeit anzuhalten; für die Suche nach einem idealen Bauplatz, für das Eintauchen in das eigene Stadtbild bleibt leider so gut wie keine Zeit. Da eine nicht geringe Motivation auch vom Wettbewerb lebt, lassen sich Spielstände in eine Ranking-Liste im Internet übertragen und dort mit denen anderer Spieler vergleichen.

Ähnlich wie die Lern-Adventures von Klett-Heureka bietet die Genius-Reihe von Cornelsen bestes Infotainment. Während der erste Teil („Unternehmen Physik“) der Technik und der zweite („Task Force Biologie“) der Biologie gewidmet war, wendet sich dieser dritte nun der Politik zu. Mit der Einbindung von multioptionalen Entscheidungs- und Vermittlungsmöglichkeiten, aber vor allem den demokratischen Inhalten, wie politischen Wertvorstellungen, Verwaltungsprozessen sowie Rechten und Pflichten stellt „Im Zentrum der Macht“ eine echte Innovation dar. Kein Wunder, dass die Software mit etlichen Preisen bedacht wurde: GigaMaus 2007 als bestes Lernspiel in der Kategorie „Kinder ab 10 Jahre“, Serious Games Award-Gewinner 2007 in der Kategorie „Gütepreis“, eine Bewertung mit sechs Mäusen im Kinder-Software-Ratgeber vom Büro für Kindermedien (feibel.de) und die Nominierung für den Deutschen Kindersoftwarepreis TOMMI 2007 sprechen eine deutliche Sprache.

Die Erfahrung, in „Genius – Im Zentrum der Macht“ einmal selbst auf der Seite der ja oft gering geschätzten Politiker zu stehen, Zusammenhänge zu koordinieren, Kompromisse auszuhandeln oder mit Niederlagen umzugehen, zeigt wie spannend und vielfältig dieses Feld sein kann – eine für alle Menschen ab 12 Jahren interessante und lehrreiche Herausforderung.

Matthias Kluge

 Rezension im Spieleratgeber Nordrhein-Westfalen (ComputerProjekt Köln e. V.)
Offizielle Website zum Spiel (Cornelsen)
Rezension in spielbar.de (Bundeszentrale für politische Bildung)
Rezension im Radiofeuilleton: Elektronische Welten (Deutschlandradio)

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