Qian, Zhongsu: Die umzingelte Festung

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Qian, Zhongsu:
Die umzingelte Festung : Roman / Qian Zhongsu. –
München : Schirmer Graf, 2008. – 544 S. –
Aus dem Chines. übers.
ISBN 978-3-86555-059-0 fest geb. : 25,80 EUR

Der hier neu übersetzte, 1946 in China erschienene Roman gilt als „Schlüsselwerk“ zum Verständnis der chinesischen Gesellschaft.

Die Hauptfigur des Romans ist der 27-jährige Fang, der 1937 von einem Auslandsstudium nach China zurückkehrt. Im gleichen Jahr werden große Teile Chinas von den Japanern besetzt. Fang stammt aus einem traditionellen chinesischen Elternhaus, sein Vater, ein hoher Beamter, wollte unbedingt einen europäischen Doktortitel sehen. Allerdings hat Fang in Paris, London und Berlin eher das Leben genossen, als ernsthaft Studien zu betreiben. Deswegen besorgt er sich diese akademische Auszeichnung bei einem betrügerischen Iren.

Das zentrale Thema des Buches kreist um die Form der Ehe. Sie ist die „umzingelte Festung“: die Belagerten wollen hineinstürmen, die Eingeschlossenen wollen ausbrechen. Die Perspektive dabei ist die männliche: die Männer sind in der Ehe unglücklich, außerhalb aber auch. Ständig sind sie auf der Suche nach einem Zustand geruhsamen Wohlbefindens.

Vor allem über Beziehungen – das ist typisch für das alte China – erhält Fang, der keinen akademischen Abschluss hat, eine Assistenzprofessur an einer kleinen Universität in der Provinz, aber er scheitert als Dozent. Danach heiratet er weder aus Liebe und echter Zuneigung, sondern eher widerstrebend – und so landet auch er im Gefängnis der Ehe. Die Verbindung endet in einem Desaster, Fang nimmt Reißaus, verfolgt von Schmach und Schande.

Fang ist ein beruflich und auch privat gescheiterter, trotzdem aber ein ungemein sympathischer Held, weil er bei allen förmlichen Höflichkeiten, die oft verschleierte Heucheleien sind, zur Wahrheit der Gefühle steht und eine Person ist, die Wahrhaftigkeit anstrebt.

Bei dem vorliegenden Roman handelt es sich um ein vorzügliches Porträt des klassischen, vorkommunistischen Chinas, in dem es auch zu einem Gegensatz kommt zwischen den traditionellen chinesischen Normen und neuen westlichen Einflüssen.

Dietmar Wild

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