Die Bibliothek als zentrale Einrichtung der Kommune

by

Jahrestagung der Fachkonferenz:
Leben – Lernen – Kultur: Die Bibliothek als zentrale Einrichtung der Kommune

https://i1.wp.com/www.lfs.bsb-muenchen.de/novitaeten/meldungen/40000242_Fako.jpgDie Fachkonferenz der Bibliotheksfachstellen in Deutschland hatte zur Fortbildung „Leben – Lernen – Kultur: Die Bibliothek als zentrale Einrichtung der Kommune“ eingeladen. Die Veranstaltung am 15. September bildete den öffentlichen Teil im Rahmen der Jahrestagung der Fachkonferenz, die in diesem Jahr aus Anlass des 60-jährigen Bestehens der Fachstelle für das öffentliche Bibliothekswesen in Karlsruhe vom 15. bis 17. September 2008 in der dortigen Stadtbibliothek im Ständehaussaal stattfand.

Es waren kompetente Fachleute eingeladen, die das Tagungsthema aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchteten und moderne Bibliothekskonzeptionen vorstellten. Ca. 170 Teilnehmer aus den Fachstellen und öffentlichen Bibliotheken sowie Gäste aus Frankreich, Dänemark und Südtirol ließen sich für ihre Bibliotheksarbeit vor Ort inspirieren. Zum Abschluss des öffentlichen Tagungsprogramms lud die Stadt Karlsruhe zu einem Empfang ins Rathaus ein.

Günter Pflaum, Vorsitzender der Fachkonferenz, eröffnete die Veranstaltung und es folgten Grußworte von Dr. Rudolf Kühner, Regierungspräsident des Regierungsbezirks Karlsruhe, Margret Mergen, Bürgermeisterin der Stadt Karlsruhe, und Jürgen Kurz, Vizepräsident des Gemeindetages Baden-Württemberg.
Rudolf Kühner verwies darauf, dass der Regierungsbezirk Karlsruhe über ein leistungsstarkes Bibliothekswesen verfügt. Die Fachstelle für das öffentliche Bibliothekswesen, seit 2005 Teil des Regierungspräsidiums Karlsruhe, bringe die Entwicklung erheblich voran und unterstütze die Bibliotheken durch ihre Dienstleistungen maßgeblich. Ziel sei es, die Bibliotheksversorgung im ländlichen Raum noch weiter auszubauen und dabei flächendeckend Qualität zu gewährleisten.
Margret Mergen unterstrich den Kernauftrag von Bibliotheken, Menschen fit für den Beruf zu machen. Obwohl Karlsruhe in Deutschland als Internethauptstadt gelte, verliere das Lesen trotzdem nicht seinen Reiz und die Stadtbibliothek im Ständehaus sei nach wie vor ein Ort der Begegnung.
Jürgen Kurz betonte, dass Bibliotheken wichtiger Bestandteil des Netzwerks des Lernens seien, und hob ebenfalls die Bedeutung der Fachstellen als unverzichtbare „Dienstleister“ hervor.

Über Räume der Begegnung – Orte der Partizipation: Bibliothek, Kommunaler Raum und Wissensgesellschaft referierte Olaf Eigenbrodt, M.A., Baureferent der Humboldt-Universität Berlin. Im Focus seiner Darstellungen standen weniger bauliche Konzepte, sondern vielmehr theoretische Grundlagen. Ländlichen Gemeinden empfahl er, diese sollten sich am primären Bedarf ausrichten und Defizite ausgleichen. Wichtig sei es, die soziale Umgebung im Auge zu behalten und den Wert der Bibliothek überzeugend darzulegen.

Die öffentliche Bibliothekenlandschaft erfolgreich entwickeln – eine Zukunftsaufgabe für Stadt und Land, unter diesem Motto verdeutlichte Staatssekretär Georg Wacker, MdL und dbv-Landesvorsitzender von Baden-Württemberg, dass die Förderung der Lese- und damit zusammenhängend der Sprachkompetenz eine zentrale Aufgabe sei. Außerdem müssten Bibliotheken verhindern, dass eine Wissensspaltung entstehe. Entscheidend sei die systematische Vernetzung vor Ort. Schon bei der PISA-Studie habe sich gezeigt, dass die Testsieger über ein hochqualifiziertes Bibliotheksnetz verfügen. Genau an dieser Vernetzung mit Kooperationspartnern und der systematischen Kommunikation über Bibliotheken fehle es derzeit noch. Bibliothekare sollten jeden Tag Lobbyarbeit betreiben.
Auch Wacker sieht die Bibliotheksfachstellen als unerlässliche „Motoren der Weiterentwicklung“. Durch sie fördere das Land die Kommunen in allen Bibliotheksfragen und unterstütze die kommunalen Bemühungen, insbesondere im ländlichen Raum.
Durch den vom demografischen Wandel ausgelösten Konkurrenzdruck unter den Gemeinden seien Bibliotheken außerdem dabei, sich zu einem kommunalen Standortfaktor zu entwickeln, stellte Georg Wacker in seinen Ausführungen fest.

Prof. Dr. Konrad Umlauf, Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaften der Humboldt-Universität Berlin, äußerte sich, was die Bibliothek als Standortfaktor anbetrifft, eher skeptisch. Er legte dar, es sei nicht empirisch erwiesen, dass das Vorhandensein von Bibliotheken vorrangig entscheidend sei für die Standortwahl von Unternehmen oder Bürgern. Dies ändere allerdings nichts an der Tatsache, dass Bibliotheken nachweisbar beliebte und stark frequentierte Einrichtungen sind. Verschiedene Dienstleistungen der Bibliothek können für das Standortargument herangezogen werden. Umlauf betrachtete in seinem Vortrag Bibliotheken im Kontext von Einzelhandel und Kultur. Dabei komme Kultur nur bei relativ kleinräumiger Betrachtung in den Blick. Vorteilhaft seien auch Umgebungen wie Arztpraxen, Drogerien und Bekleidungsgeschäfte, weniger günstig ein Schnellimbiss oder Elektronikgroßmärkte.
Umlauf veranschaulichte seine Ausführungen anhand von konkreten Projekten wie Stuttgart (Bibliothek 21) und Ingelheim. Generell sei eine lokal spezifische Betrachtung der Bedingungsfaktoren erforderlich. Wenn es darum geht, die Bibliothek in den bibliotheks- und kommunalpolitischen Diskurs einzubringen, könnten folgende Aspekte eine Rolle spielen: Frequenz an bestimmten Standorten unter den gegebenen Rahmenbedingungen; Zentralität; Branchenmix; Repräsentations- und Imagefaktoren und das Wohnumfeld.

LernWelt Merzig – die Bibliothek als Netzwerk-Partner stellte Jörg Sämann, Leiter der Stadtbibliothek, vor. Die LernWelt Merzig ist im September 2008 eröffnet worden und man findet darin einen Verbund aus Stadtbibliothek, CEB-Internetcafé (CEB = Christliche Erwachsenenbildung) und SelbstLernZentrum. Als Teil des Programms „Lernende Regionen“ des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) unter Beteiligung der Bundesländer sowie der EU ist mit der LernWelt Merzig ein im Saarland einzigartiges Zentrum für Bildung und Information sowie ein Ort der Kommunikation und Begegnung entstanden. Die LernWelt verbindet Theorie und Praxis mit bewährten und neuen Lerntechniken und schafft eine Atmosphäre, in der Lernen Spaß macht. Die wichtigsten Zielgruppen sind Schüler und Auszubildende, Menschen mit und ohne Schulabschluss, Migranten und Berufswiedereinsteiger. Die Rolle der Bibliothek bezeichnete Sämann als Motor, Schnittstelle zur kommunalen Verwaltung, Kontaktperson für die LernWelt, Ideengeber für die Projektentwicklung und Ansprechpartner für Sponsoring und Öffentlichkeitsarbeit.
2010 läuft die Komplettförderung aus. Dann gilt es, die Finanzierung sicherzustellen und neue Förderungsmöglichkeiten zu erschließen. Inhaltlich ist geplant, das Thema Ausbildung stärker in den Focus zu nehmen sowie gemeinsam mit der Universität des Saarlandes ein Projekt „Besser in Deutsch“ für Schüler mit Migrationshintergrund der Sekundarstufe I und II zu konzipieren.

Über die Bibliothek als Lernort – Zusammenarbeit von Bibliothek und VHS im Kontext der sich in Planung befindlichen Bibliothek 21 referierte Ingrid Bußmann, Direktorin der Stadtbücherei Stuttgart. Bibliotheken und Volkshochschulen haben durchaus gemeinsame Ziele, z.B. lebenslanges Lernen zu begleiten, kommunale Daseinsvorsorge, kulturelle Bildung und Vermittlung von Schlüsselqualifikationen. Außerdem besteht die Chance, wechselseitig die Zielgruppe der anderen Partner-Einrichtung zu erreichen, die man selbst noch nicht so gut bedient. Denn die Stadtbücherei erreicht einen höheren Anteil jüngerer Menschen, die Volkshochschule hingegen mehr ältere Bürger. Unterschiede hingegen bestehen in Aufgaben und Angeboten beider Einrichtungen: die Volkshochschule ermöglicht organisiertes Lernen in Gruppen mit individueller Lernunterstützung, während Bibliotheken Orientierungshilfe geben und die Räume bereitstellen.
Als neue Ansätze der Kooperation nannte Ingrid Bußmann z.B. Lernberatung, dezentrale Lernagenturen, Lernstudios, das Literaturabitur, Sprachencafés oder das Wissenscafé.
Damit die Kooperation zwischen Bibliothek und Volkshochschule funktioniert, sind vor allem Strukturen notwendig, z.B. die Verankerung der Zusammenarbeit in einem Leitbild, feste Ansprechpartner und permanente Evaluation. In Stuttgart gibt die Direktion die Ziele (jährliche Zielplanung) und Visionen vor, konkrete und eigenständige Absprachen können vor Ort von Stadtteilbibliotheken und den Außenstellen der Volkshochschulen getroffen werden.

Mit ihren Ausführungen zu den Idea Stores – einer modernen Bibliothekskonzeption aus England und den Möglichkeiten der Realisierung in Deutschland, beendete Susanne Rockenbach, M.A., Universitätsbibliothek Kassel, Leiterin der Landesbibliothek und Murhardschen Bibliothek, das Tagesprogramm. Sie berichtete von ihren Erfahrungen, die sie im Rahmen eines Führungskräfte-Stipendiums der Bertelsmann Stiftung im Jahr 2003 in Tower Hamlets, London gemacht hatte. Ausgangslange dort: über 50 Prozent der Schulkinder sind Ausländer, 50 Sprachen werden gesprochen und die Arbeitslosenquote beträgt 13,6 Prozent. Gleichzeitig herrscht ein Mangel an qualifizierten Arbeitskräften. Um die Nutzung zu steigern, wurde eine Meinungsumfrage bei den Nutzern der public libraries und bei Nichtnutzern durchgeführt, die in regelmäßigen Abständen weitergeführt wird. Im Ergebnis bewerteten 98 Prozent der Befragten die Bibliothek als wichtig. Außerdem wurde eine Kombinationsmöglichkeit von Bibliothek mit der Gelegenheit zum Einkauf sehr hoch bewertet. Als Konsequenz aus der Befragung wurden ungünstig gelegene Einrichtungen geschlossen und in der Nähe einer Supermarktkette neu eröffnet (aus 19 Erwachsenenbildungsstätten und public libraries wurden sieben Idea Stores). Die Idea Stores sind z.T. in neuen und modernen Gebäuden untergebracht und meist erfolgt eine Integration des lokalen Geschehens. Sie sind pro Woche über 70 Stunden geöffnet und werden pro Tag durchschnittlich von mehr als 1.000 Nutzern besucht.

Die Elemente der Idea Stores – klassische öffentliche Bibliothek, Kinderbibliothek, Internetarbeitsplätze, PC-Pool mit Übungsprogrammen, Erwachsenenbildung und -kurse, Café, audiovisuelle Medien, Kinderbetreuung während der Kurse etc. – werden von Bibliothekaren sowie ausgebildeten Erwachsenenbildner/-innen betreut. Somit ermöglichen die Idea Stores eine Verbindung von individuellem und organisiertem Lernen und der Freizeitgestaltung. Beide Serviceeinrichtungen, „public library“ und „lifelong learning“, agieren im gleichen Gebäude, thematisch kombiniert, im gemischten Team und räumlich und organisatorisch verbunden. Das Personal wird aus verschiedenen Kulturen rekrutiert, so dass Migranten sich mit den Mitarbeitern in ihrer Muttersprache verständigen können. Der Kontakt zu Menschen bzw. die Kommunikation hat oberste Priorität. Innovativ und aufschlussreich ist vor allem, dass das sog. „Floorwalking“ einen so hohen Stellenwert hat: der mit dieser Aufgabe betraute Mitarbeiter geht durch alle Bereiche des Idea Stores, fragt gezielt Nutzer, ob er ihnen helfen kann, oder macht diese auf Kursangebote aufmerksam.

Als Kritikpunkt nennt die Referentin die schlechten Bedingungen für das Personal (auf 1 Jahr befristete Verträge, schlechte Bezahlung) und die Einstellung von z.T. nur angelernten Kräften. Diese Negativpunkte würden aber das Gesamtkonzept nicht in Frage stellen.

Einzelne Elemente der Idea Stores sollen auch für die Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (LMB), die größte der zehn Bereichsbibliotheken des Gesamtsystems Universitätsbibliothek Kassel, übernommen werden (Gesamtbestand von über 430.000 Medien). Die Nutzerschaft der Bibliothek besteht hauptsächlich aus städtischer Bevölkerung, Studierenden und weiteren Universitätsangehörigen; vereinzelt nutzen Schüler/-innen die Bestände des Hauses. Ausgehend vom Konzept der Idea Stores sind die Ziele der LBM deshalb: Steigerung der Nutzungszahlen und Erweiterung der Zielgruppen sowie die Verbesserung des Niveaus der Nutzung. Die Nutzungssteigerung der LMB soll vor allem durch die Integration von Kursen in die vorhandenen Räume erreicht und die Qualität der Nutzung durch die Vermittlung von Informationskompetenz gesteigert werden.
Die Bibliothek wird zum Lernort, wobei individuelles Lernen und Gruppenlernen nicht strikt voneinander getrennt sein sollen. Außerdem kooperiert die LMB mit der Stadtbibliothek Kassel und bietet Führungen für Oberstufenschüler an. Auch die „Aufenthaltsqualität“ der LMB konnte durch Übernahme der Idea Store-Konzepte für das Café, den Zeitungs- und Ausstellungsbereich verbessert werden.

Sabine Teigelkämper. Fotos: Stadt Karlsruhe

Leben – Lernen – Kultur: Die Bibliothek als zentrale Einrichtung der Kommune (Programm als PDF)

Schlagwörter: , , , , ,

Eine Antwort to “Die Bibliothek als zentrale Einrichtung der Kommune”

  1. Die Bibliothek als zentrale Einrichtung der Kommune 15.–17.9. « Nachrichten für öffentliche Bibliotheken in NRW Says:

    […] Eine Zusammenfassung der Tagung hat die Landesfachstelle für das öffentliche Bibliothekswesen München jetzt veröffentlicht: https://oebibonline.wordpress.com/2008/10/01/die-bibliothek-als-zentrale-einrichtung-der-kommune/ […]

Schreibe einen Kommentar

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: